Was ist Bleisure?
Bleisure-Trends

Travelmanagement neu denken

Bislang reisten primär die Senior Manager. Die jungen Geschäftsreisenden heute sind flexibler und noch nicht an einen Ort festgelegt. Sie haben den Wunsch, viel von der Welt zu sehen und möchten auch bei Geschäftsreisen neue Orte entdecken. Dieser Trend wird klar steigen.Michael Schüller, Interim-Geschäftsführer Egencia Deutschland

Egencia beobachtet und analysiert bereits seit einiger Zeit in Form zahlreicher Befragungen die aktuellen Bleisure-Tendenzen. Im Frühjahr 2018 hat das Travelmanagement-Unternehmen die Studie „Egencia 2018 Bleisure Trends“ mit teilweise überraschenden Ergebnissen veröffentlicht. Der Bleisure Traveller sprach mit Michael Schüller, Interim-Geschäftsführer von Egencia Deutschland, über passende Policies, frühreisende Millenials und kombinierte Buchungen.

 

Herr Schüller, welche Ergebnisse der Studie haben Sie am meisten überrascht?

Dass sich jeder fünfte Geschäftsreisende gegen eine Verlängerung der Geschäfts- in eine Privatreise entscheidet, weil er Bedenken hat, wie dies im Unternehmen aufgenommen werden könnte. Es ist offensichtlich dieser Aspekt, der vor allem in den Unternehmen diskutiert und geklärt werden muss: Welche Haltung nehmen Unternehmen mit ihren bisherigen Reiserichtlinien in puncto Bleisure Travel ein? Wie kann ein Arbeitnehmer sicher sein, dass er Bleisure machen darf oder nicht?

Aber ist Bleisure im Zuge der sich verändernden Arbeitswelt eigentlich keine Frage mehr, ob es zu einem Unternehmen passt, sondern wie es angeboten wird – nicht nur formal?

Ja, diese entscheidende Frage müssen sich viele stellen. Ich denke, das Erlauben von Bleisure Trips hält eine Menge Spielraum und Vorteile bereit. Vor allem bei internationalen Geschäftsreisen ermöglicht zum Beispiel eine frühere Anreise am Samstag, dass die Batterien wieder aufgeladen werden bevor die eigentliche Arbeitswoche startet. Und dies, oft ohne höhere Kosten für das Unternehmen – im Gegenteil, manchmal sind die Wochenendanreisen in Businessmetropolen günstiger als am Montag. Unternehmen können solche Angebote unter anderem klar im Fokus haben und so gezielt Talente fördern und belohnen, so dass beide Seiten davon profitieren.

Warum ist Bleisure bereits ein Riesentrend in Amerika und noch relativ am Anfang in Deutschland bzw. Europa?

Möglicherweise ist Europa im Vergleich bisher konservativer eingestellt. In Amerika ist die Möglichkeit zu Bleisure viel selbstverständlicher. Auch weil man dort nicht so viele bezahlte Urlaubstage hat wie in Europa. Geschäftsreisende, die an einen für sie interessanten Ort reisen, haben dort eher im Blick, dies auch mit ein paar privaten Tagen zu verbinden.

In den nächsten Jahren werden die sogenannten Millenials immer präsenter auf dem Arbeitsmarkt werden. Glauben Sie, dass diese Generation von ihrem Arbeitgeber die Möglichkeit zu Bleisure erwarten wird?

Ja, absolut. Wenn wir zurückblicken, so richteten wir über viele Jahre den Fokus auf die sogenannten Frequent Traveller, also Vielreisende, die so schnell wie möglich von ihrer Geschäftsreise wieder nach Hause wollten, vor allem zu ihren Familien. Nun treten, wie Sie richtig sagen, die Millenials in den Arbeitsmarkt ein, und keine Generation hatte bisher so früh in ihrer Karriere die Gelegenheit, Geschäftsreisen zu unternehmen. Bislang reisten primär die Senior Manager. Die jungen Geschäftsreisenden heute sind flexibler und noch nicht an einen Ort festgelegt. Sie haben den Wunsch, viel von der Welt zu sehen und möchten auch bei Geschäftsreisen neue Orte entdecken. Dieser Trend wird klar steigen, vor allem weil die Geschäftsreisenden immer jünger werden.

Inwiefern haben die Unternehmen in Deutschland auf der einen Seite und die Reiseanbieter auf der anderen Seite aktuell das Potenzial für Bleisure-Reisen erkannt?

Das Potenzial wird allgemein gesehen, aber es müssen noch viele Angebote dafür entwickelt werden. Unser Beraterteam zum Beispiel unterstützt Unternehmen dabei, die Reiserichtlinien Bleisure freundlich zu gestalten, in puncto Kostenmanagement, Versicherungen etc. Aber es ist auch klar, dass noch eine Menge Potenzial besteht, wenn 68 % der in unserer Studie befragten Geschäftsreisenden mindestens eine Bleisure-Reise pro Jahr machen. Dafür müssen neue Rahmenbedingungen geschaffen werden. Und das betrifft etliche Travelmanagement-Themen: Wie rechnet man zum Beispiel bei einem um das Wochenende verlängerten Bleisure-Trip die jeweiligen Tageszeiten ab? Wann endet die Businesszeit, wann beginnt die Freizeit? Bei solchen Fragestellungen beraten wir. Wir empfehlen beispielsweise, den Mitarbeitern zu ermöglichen, bei einem Bleisure-Trip beides über einen einzigen Kanal zu buchen. So hat das Unternehmen alles im Blick und kein Problem mit „wilden“ Buchungen außerhalb der Unternehmenskanäle. Das ist auch in puncto Sicherheit wichtig. Unser System kann unter anderem aufschlüsseln, welche Reisen am Wochenende und innerhalb der Arbeitswoche stattgefunden haben. Das hilft Unternehmen dabei, mögliche Leisure-Anteile der Reise herauszufiltern. Klar kommuniziert werden sollte dabei aber auch, dass bei dem privaten Reiseanteil Kosten wie Übernachtung und andere Ausgaben nicht erstattet werden. Vielen Dank für das informative Gespräch, Herr Schüller.


Sylvie Konzack …

war überrascht, wie sehr, laut der Studie, Arbeitnehmer noch immer befürchten, dass ihr Chef die private Verlängerung kritisieren könnte. Arbeitgeber, die hier für sich und vor allem für ihre Mitarbeiter Klarheit und Möglichkeiten schaffen, könnten schon beim nächsten Vorstellungsgespräch offensiv punkten und die besten Talente für sich begeistern.

 

 

Fotos: Konzack, Egencia